7/14/2009

Die Luftgitarre

Schaut man sich heute den Auftritt von Joe Cocker beim Woodstock Festival 1969 zum Song „With a little help from my friends“ an, könnte man denken er habe eine neue Ära in der Musikgeschichte eingeläutet. Sieht man doch heut zu tage auf sämtlichen Tanzflächen, in Film und Fernsehen und in den Moshpits großer und kleiner Rockkonzerte agile junge Menschen, die die Saiten eines nicht vorhandenen Instruments auf Beckenhöhe anschlagen. Joe Cocker gilt als der Erfinder der Luftgitarre und nennt sich selber „den besten Luftgitarrenspieler der Welt“. Seit seinem Auftritt beim Woodstockfestival ist das Luftgitarrespielen immer populärer geworden. Heute kann es sogar als eigener Sport bezeichnet werden, oder ist es vielleicht Tanz, oder doch etwas ganz anderes? Seit 1996 kürt man zumindest den besten Luftgitarrenspieler der Welt. Jedes Jahr findet der Wettbewerb in Finnland im Rahmen des Oulu Music Video Festival, dem finnischen Musikvideofestival, statt. In den ersten Jahren machten die Finnen den Sieg noch unter sich aus. Heute dominieren die Amerikaner den Contest. Seit 2004 kürt auch die „German Air Guitar Federation“ einen nationalen Meister, welcher dann als deutscher Vertreter nach Oulu fahren darf.

In diesem Jahr findet das Finale vom 19.-21. August statt. Zur deutschen Vorentscheidung treffen sich die Luftgitarren-Cracks am 9. und 10. Juli in Berlin. Die Regeln sind denkbar einfach. In der ersten Runde zeigt jeder seine Choreographie zu einem selbst ausgewählten einminütigen Songschnipsel. Dann bewertet eine Jury jeden mit einer Note von 4.0 bis 6.0. In der zweiten Runde wird in umgekehrter Reihenfolge gestartet. Der letzte der ersten Runde zu erst, der Vorletzte als Zweiter und so weiter. In dieser Runde performen alle Teilnehmer zum selben Lied, das vorher nicht bekannt gegeben wird. Auch danach bewertet die Jury wieder. Für das finale Ergebnis zählen nur die Noten aus der zweiten Runde. Danach steht der Sieger fest.

So einfach die Regeln klingen, der Wettbewerb ist für viele Teilnehmer zu einem ernsten Wettkampf geworden. Denn es ist schon lange nicht mehr allein die perfekte Technik und die Imitation einer Gitarre- ob Akustik- oder E-Gitarre gespielt werden soll ist in den Regeln nicht festgelegt- fast jeder Luftgitarrist verwandelt sich in eine Figur, wenn er auf der Bühne steht. Denn in den Bewertungskriterien legt man Wert auf, Originalität der Leistung, Charisma, technische Fähigkeiten, künstlerischen Gesamteindruck und Luftigkeitstauglichkeit, im Fachjargon „Airness“ genannt, was die Fähigkeit bedeutet, das Luftgitarrespielen über die die bloße Imitation hinaus zu einer eigenen Kunstform zu erheben. Luftgitarre ist also Kunst?

Joe Cockers Auftritt sah wahrlich nach einer eigenen Kunst aus, aber auch nach einer ganz eigenen Welt in der er sich während seiner Performance befand. Man stellt sich die Frage wer diese Friends sind, die ihm da ein little gehelpt haben. Nichts desto trotz hat die Luftgitarre sich seitdem ihren Weg gebahnt und das nicht nur als Artefakt der Rockmusik und ihrer Konzerte, sondern auch als Symbol der Freiheit und Unbeschwertheit, der Amerikanisierung und der Popkultur.

Im deutschen Film „Sonnenallee“, der von Jugendlichen in den 80er Jahren in Ost-Berlin erzählt, setzt die Luftgitarre eine Bewegung in Gang, die kurzzeitig die Mauer fallen lässt. Micha Ehrenreich, Hauptfigur des Films, gespielt von Alexander Scheer, und sein Kumpel Wuschel, gespielt von Robert Stadlober beginnen in der Schlussszene des Films, beim Song „The Letter“, eigentlich ein Song der Band „The Box Tops“, für den Film aber eine neuere Version von „Dynamo 5“, also zu Westmusik, Luftgitarre zu spielen. Sie tanzen dabei auf den Balkon und ziehen die Blicke der Menschen auf sich, sie springen vom Balkon und gemeinsam mit den Menschen tanzen sie durch den Grenzübergang in den Westen. Der Freiheitsgedanke geht hier wohl eher von der verbotenen Westmusik aus, die Teilhabe an dieser Musik beginnt in dieser Szene jedoch mit der Imitation der E-Gitarre. Auch in der Realität ist das Luftgitarrespielen der einfachste Weg ein Teil der Lieblingsband oder einer ganzen Musikrichtung mit all ihren Ideologien und Forderungen zu werden. Zu Zeiten des Rock’n’Rolls, wie auch heute beim Heavy Metal, viele schließen sich dieser Musik an, die ihre Eltern garantiert nicht hören oder hörten. Nach Winfried Fluck greifen hier, die von ihm definierten Begriffe, der Amerikanisierung und des expressiven Individualismus. In seinem Text „Amerikanisierung der Kultur“ schreibt er, dass unsere Gesellschaft im Bereich Kultur immer niedrigschwelliger wird, dieses Phänomen entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts, als die englischen Groschenromane den amerikanischen Markt eroberten. Junge Mädchen mussten fortan nicht mehr nur philosophisch wichtige Schriften lesen, von denen man nur die Hälfte versteht und für welche man sich sowieso nicht interessiert, weil es die Gesellschaft so vorgab. An den Groschenromanen konnte man durch ihre Einfachheit Anteil nehmen, an Schicksalen und Problemen der Hauptfiguren. Die Meinung, die man über die Situation hatte konnte man selber mit sich aushandeln und wurde nicht von außen bestimmt. Eine dadurch entstandene Dynamisierung der Gesellschaft zog sich nicht nur durch die USA, sondern hat heute fast alle Erdteile erreicht. Im Gegensatz zu anderen Kulturwissenschaftlern und Historikern, bezieht Fluck den Namen Amerikanisierung nicht auf die Produkte und Verhaltensweisen, die aus den USA in die ganze Welt exportiert werden, sondern auf den Prozess der Dynamisierung der Gesellschaft durch niedrigschwelliges Kulturangebot. Die USA sind demnach die ersten, die sich selbst amerikanisiert haben. Als expressiven Individualismus beschreibt Fluck das bekennende Zuordnen einer Person zu einem kulturellen Gut. Oder einfach gesagt: das Fantum. Eine Person bekennt sich zum Beispiel zu einer Band und trägt dieses eventuell durch ein Band-T-Shirt in der Öffentlichkeit zur Schau. Die Botschaft, die dabei an die Umwelt kommuniziert wird ist nicht nur: „Ich bin ein Fan dieser Gruppe“, sondern auch: „Ich hätte auch eine andere Band wählen können aber ich habe mich für diese entschieden.“ Dieses Fansein muss aber nicht immer eine tiefe Verbundenheit zum Objekt bedeuten. Besonders nicht bei Flucks Individualismus. Man zeigt eher die Verbundenheit zu einer kulturellen Gruppe, auch wenn man nicht genau weiß, welche Botschaft man mit einem T-Shirt, wie zum Beispiel einem Che-Guevara-Shirt, herum trägt, sie kann nicht schlecht sein, weil sie so viele coole Typen tragen. Genauso wie mit dem T-Shirt, kann man seine musikalische Zuneigung auch durch die Luftgitarre ausdrücken.

Bei den nationalen und internationalen Lufgitarren-Wettkämpfen zeigen die Teilnehmer aber nicht nur durch ihre Songauswahl ihren expressiven Individualismus, sondern vor allem durch die Auswahl ihres Bühnencharakters. Selten ist der Airguitarhero auf der Bühne dieselbe Person wie hinter der Bühne. Eindrucksvoll beschreibt dieses Phänomen der US-amerikanische Luftgitarrencrack und „ewige Zweite“ Björn Turoque in seiner Biographie „To Air is Human“. Sein eigentlicher Name ist Dan Crane, sein Beruf Softwareentwickler. Er spielte in seiner eigenen Band „Nous non plus“, als er zum ersten Mal einen Air Guitar Contest sah, wusste er was er wollte: „Dabei sein!“, also entwickelte er seine Bühnenfigur Björn Turoque. Interessant an seiner Biografie ist, dass er aus der Sicht von Dan Crane in der Ich-Perspektive erzählt, aber in der dritten Person, wenn er von Björn Turoque erzählt.

Auch in der populären Kultur ist die Luftgitarre fest verankert, es gilt als unglaublich cool, wenn man die nicht vorhandenen Saiten anspielt. Das wussten Anfang der 90er Jahre auch Harald Schmidt und Herbert Feuerstein, die in ihrer Sendung „Schmidteinander“ die Zuschauer aufriefen Homevideos zu schicken, auf denen sie beim Luftgitarrespielen zu sehen sind. Auch in vielen Filmen ist die Luftgitarre ein populäres Zeichen, zum Beispiel im Film „Bill und Teds verrückte Reise durch die Zeit, in dem die beiden Protagonisten immer die luftige Gitarre anspielen, wenn sie meinen sie seien bei irgendeiner Sache erfolgreich gewesen.

Aber auch in unseren Alltag verfolgen uns Phänomene der Luftgitarre. Zum Beispiel begegnen sie uns in der Politik, in der Schule, in der Uni oder auf der Arbeit. Sie haben dort noch keine gesehen? Man erkennt sie auch nicht auf den ersten Blick. Aber wenn wir uns noch einmal deutlich machen, was Luftgitarrespielen heißt, merken wir, dass wir dieses Prinzip auf viele alltägliche Situationen übertragen können. Das Nachahmen einer Tätigkeit, die eigentlich nicht vom ausführenden beherrscht wird. Und sie begegnen uns doch jeden Tag: die Luftgitarristen. Die Arbeitskollegen, die es mal wieder geschafft haben, ihre Nichtsnutzigkeit durch übertriebenes Gerede gegenüber dem Chef so ein zu setzen, dass sie die Beförderung bekommen und nicht der fleißige Arbeiter hinter den Kulissen. Der Mitschüler, der sich durch bloßes Einschleimen und Pseudo-Wichtig-Gerede großartige mündliche Noten erhält, obwohl er eigentlich den Unterricht aufhält. Der Möchtegern-Proll, der jede im Club schon hatte. Die Kunststudenten, die jeden Künstler, jedes Werk und jedes Museum kennen, selber aber nichts drauf haben, genauso wie der Theaterwissenschaftler, der mit tausenden von schlauen Worten um sich wirft, die er gar nicht kennt, weil er sich so gerne reden hört. Oder auch der Politiker im Wahlkampf, der mit Parolen auf Stimmenfang geht, die er nie einhalten wird. Sie alle versuchen ein Instrument zu spielen, das sie eigentlich gar nicht beherrschen.

Den Betrachter können diese Menschen auch schon mal in eine Fremdschamsituation versetzen, wenn ab zu sehen ist, dass der Luftgitarrist scheitert. Hier stellt sich die Frage ist Luftgitarre vielleicht Camp? Was ist überhaupt Camp? Für den Laien ist es am einfachsten zu erklären als etwas, dass so schlecht ist, dass es fast schon wieder gut ist. Aber nach der Definition von Susan Sontag ist es doch gar nicht so leicht zu beschreiben. Nach ihrer Definition ist es eine Rezeptionsweise, bei der, der Zuschauer daran interessiert ist den Akteur scheitern zu sehen. Dieses Scheitern darf vom Ausführenden jedoch nicht geplant sein, es sei denn, er macht es so, dass niemand es merkt. Der Scheiternde muss mit Herz und Seele eine nreflektierte Ernsthaftigkeit ausstrahlen, der er aber nicht gerecht werden kann. Ein weiteres Zeichen für Camp ist der Stil und die Ästhetik, die bei dieser Erlebnisweise im Vordergrund stehen, weniger der Inhalt. Ob das Luftgitarrespielen Camp ist, hängt eher vom Spieler ab, als dass man es allgemein als Camp bezeichnen könnte. Ein Air Guitar Hero ist nicht von vorn herein zum Scheitern verurteilt. Bei nationalen Vorentscheiden kann dies jedoch der Fall sein, wie Björn Turoque in seiner Biographie beschreibt.

Wer auch immer in diesem Jahr die German Air Guitar Nation in Oulu vertritt, er wird weit abseits vom Camp seine Saiten anschlagen. Stellt sich nur die Frage, warum ist es die Gitarre, die zu einem Luftinstrument mit all ihren Nebenphänomenen wurde? Warum ist es nicht das Schlagzeug oder die Querflöte? Zurück zu führen ist das ganze wohl auf die Entstehung des Rock’n’Roll Mitte der 50er Jahre und die daraus entstandene Jugendkultur dieser Zeit. Raus aus den vorgegeben Normen der Elterngesellschaft, die Rebellion gegen die Einheitlichkeit. Das wohl markanteste Musikinstrument dieser Musik war die Gitarre, vor allem durch die Entwicklung der E-Gitarre. Ausdrucksstarke Gitarrensoli beherrschen die Rockmusik bis heute. Dadurch rückten auch die Gitarristen ins Rampenlicht neben den Sängern ihrer Bands. Die kulturellen Aspekte der E-Gitarre trieben ihre Popularität weiter voran. Sie gilt als Symbol der amerikanischen Kultur und der Jugendkultur, für den technischen Fortschritt, für Freiheit und Männlichkeit. Die Luftgitarre bietet zudem die wohl größten Bewegungsmöglichkeiten für den Spieler, der dabei zu tanzen scheint. Mit einem Schlagzeug ist man auf der Bühne sehr unflexibel, mit einem Luftmikrofon wäre man schnell in der Sparte der „Mini Playback Show“, das Saxophon hätte wohl noch am ehesten die Chance mit der E-Gitarre mitzuhalten, es passt jedoch nicht in die Musikrichtung zu der sich Jugendliche gerne ausgelassen bewegen wollen, in den 50er Jahren zumindest nicht, mit dem Ska hat sich dies heut zu tage ein bisschen geändert. Auch der Bass wäre möglich, aber kennen sie einen weltberühmten Bassisten? Ein weiterer Grund, warum die Gitarre das Luftkompatibelste Instrument ist, ist die Vorbildfunktion der weltberühmten Gitarristen. Jeder Rockmusikfan, will so sein wie Angus Young (AC/DC), Jimi Hendrix, der im Jahr 2003 vom „RollingStone“ zum Greatest Guitarist of all Time gekürt wurde, oder Pete Townshend von „The Who“. Man möchte genauso euphorisch und arpartisch in die Saiten hauen, wie diese drei und ihre vielen Kollegen es tun.

Des Weiteren geht die E-Gitarre eine Symbiose mit dem Körper ein, oder anders herum, die bei anderen Instrumenten nicht so stark ausgeprägt ist. Gerade im Bezug auf die Stärkung der Männlichkeit kann man die E-Gitarre als Verlängerung des Gliedes sehen oder als den Körper einer Frau, den man bespielt.

Egal welches Instrument imitiert wird, es ist ein Zusammenspiel von 3 Körpern, dem Körper der Musik, dem Körper des Spielers und dem Körper des Gitarrenspiels, diese drei werden im Moment des Auftritts zum Informationsträger für den Zuschauer. Der Spieler imitiert dabei den Akt des Musik Machens, die Musik dient ihm dabei als Rahmen. Das wird deutlich, wenn sie sich einmal vorstellen, es wäre kein Musikinstrument, das während laufender Musik imitiert wird. Zum Beispiel Sex, dieses Exempel ist nicht zufällig ausgewählt: Es gibt in den USA die „Air Sex Championships“. Wenn derselbe Effekt, wie beim Luftgitarrenspiel eintreten soll, so müsste man schweres Atmen, Stöhnen und Orgasmen als Rahme einsetzen, an Stelle der Musik. Bei der Luftgitarre ist dies der Fall, man muss konzentrierter auf die Musik eingehen, weil man imitieren will, dass man sie selbst herstellt, das unterscheidet das Luftgitarrespielen vom Tanz, oder vom Air Sex.

Egal was Luftgitarre jetzt nun im kulturwissenschaftlichen Grunde ist, ob Sport, Tanz, Camp, expressiver Individualismus, Symbol der Freiheit, der Männlichkeit oder der Jugendkultur. Vom 19. bis 21. August ist es für alle Beteiligten vor allem eins: Ein riesengroßer Spaß!

7/01/2009

Die Dicke

Es ist 8 Uhr 30. Wir arbeiten seit einer Stunde, Jutta hat zu diesem Zeitpunkt schon zwei Laugencroissants gegessen. Mit Mühe kaut sie die letzten Brocken des viel zu großen Stückes, das sie sich in den Mund geschoben hat. Sie hat immer viel Zeit auf der Arbeit ,um zu Essen. Ich behaupte, wenn sie keine Rollen unter ihrem Stuhl hätte, würde sie sich überhaupt nicht bewegen. Natürlich bleibt immer alles an mir hängen, aber damit nicht genug, das Schlimmste sind die Geschichten, die ich mir ständig anhören muss. Dinge aus ihrem Privatleben. Jutta ist knapp 40, etwas beleibt, kurz vor der Grenze zu fett, hat keinen Mann, einen Sohn mit dem sie sich ständig in den Haaren hat und zwei Dackel, sonst gibt es in ihrem Leben nichts, außer einer Leidensgenossin und Essen natürlich. Diese Dinge sind alle keine gute Grundlage, um mich täglich über acht Stunden zu unterhalten, aber sie tut es trotzdem.

Während sie die letzten Stückchen des Croissants aus ihren Zahnlücken leckt, berichtet sie mir, dass gestern ihre Freundin zu Besuch war. Oh nein! Nicht schon wieder Geschichten von ihrer Freundin. Jutta zeigte mir vor kurzem Bilder, die ihre Freundin von ihr gemacht hatte. Circa 50 Bilder. Also eigentlich waren es fünf Bilder, jeweils aber mit allen Photoshop-Optionen ausgedruckt: Schwarzweiß, Sepia, Negativ.... Jutta sagt immer: “ Sie macht das ganz toll, dafür dass sie das nur als Hobby macht und nicht beruflich.“ Die Bilder sehen scheiße aus, auch wenn es beim Bildbearbeitungsprogramm ihrer Freundin viele Möglichkeiten gibt, aus grottenhässlich richtig schön machen, das kann dann vielleicht doch nur der Profi. Ich denke mir meinen Teil, unglaublich wie leicht sie zu begeistern ist.

Jedenfalls berichtet Jutta, dass ihr ihre Freundin gestern die Haare gemacht hat. Das erklärt einiges, ich wollte sie schon die ganze Zeit fragen, ob dieses Etwas da auf ihrem Kopf gewollt ist. „Strähnchen hat sie mir gesetzt, ganz schön toll geworden, dafür, dass sie das nicht beruflich macht!“ Ich erzähle ihr nicht, dass es keine gute Idee war in ihre straßenköterblonden Haare, noch kackbraune Strähnchen zu setzen. Ich schweige lieber und nicke zustimmend.

Wie die Zeit verfliegt es ist schon 8 Uhr 35. Das Telefon klingelt, genervt schaut Jutta auf das Display, als wolle sie sagen: „Hallo, geht’s noch? Es ist doch nicht mein Job, als Arztsekretärin ans Telefon zu gehen.“ Richtig Jutta! Dafür bin ich ja da. Sie nimmt die Computermaus zwischen ihre Wurstfinger ihrer rechten Hand und tut so, als müsse sie etwas sehr Dringendes im Computer suchen, wie immer bestätigt sie ihre Eingabe mit einem Faustschlag auf die Enter-Taste. Ich gehe ans Telefon. Wie kann es anders sein eine Patientin möchte einen Termin für eine Mammographie, seit kurzem gibt es in der Praxis die Regel - sie werden gleich merken, dass dieses Wort hier wunderbar passt - dass die Untersuchung ab Beginn der Menstruation, auf dieses Thema wird Jutta später noch mal zurückkommen, innerhalb der darauf folgenden 10 Tage stattfinden muss. Genauso erkläre ich es der Patientin, und wie Hunderte vor ihr, rechnet auch sie mir alles genau aus. Etwas ungeschickter stellt sich bei diesen Telefonaten Jutta an. Ohne vorherige Warnung brüllt sie ins Telefon: „Mammographie? Wie siehts denn aus hammse ihre Tage noch?“ Bei dieser Lautstärke fühlt sich nicht nur die Dame am anderen Ende der Leitung angesprochen, sondern auch der komplette Krankenhausflur im ersten Stock. Eine verwirrte alte Dame kommt daraufhin herein und sagt: „Bei mir? Das is schon lange vorbei, aber damals...!“ Den restlichen Teil ihrer Ausführungen möchte ich hier nicht niederschreiben, oder vielmehr kann ich es nicht, da ich es verdrängt habe.

Juchu, wieder 10 Minuten um. Und genau jetzt schafft es Jutta sich zum ersten Mal, seit sie sich heute Morgen um 7 Uhr 30 auf den Stuhl plumpsen ließ, von diesem hochzustemmen.

Sie möchte eine Kartei aus dem Schrank suchen, ganz alleine. Dummerweise befindet sich diese in einer der oberen Schubladen des Karteischrankes. Sie nimmt die Leichtmetall-Trittleiter und stellt sie vor den Schrank. Zitternd wuchtet sie sich in kleinen Schritten nach oben, dort angekommen bemerkt sie, dass sie nun direkt vor der Schublade steht und sich diese somit nicht öffnen lässt, sie versuchts trotzdem vielleicht klappts ja. Ich sitze direkt darunter und schaue mir ihre waghalsige Aktion an. Nach einem kurzen „Huch“, als sich die Leiter für wenige Sekunden leicht nach links lehnt und ich schon das Ende meines Lebens vor Augen sehe, klettert sie wieder nach unten, schiebt die Leiter ein Stück zurück und wuchtet sich erneut nach oben. Die Schublade lässt sich nun öffnen leider befindet sich die Kartei, die sie sucht, im ersten der drei Schubladensegmente, dass heißt auf der anderen Seite, von Jutta aus gesehen. Noch einmal runter zu gehen, wäre aber zu anstrengend, also versucht sie sich lang zu machen und zieht ihren Körper über die Kante der Schublade, bis sie mit ihren Speckhänden die gesuchte Kartenreihe berühren kann. Es erschließt sich ein Bild, dass man schwer in Worte fassen kann. Haben sie Free Willy gesehen? Stellen sie sich vor der Orca hätte es am Ende nicht geschafft, aus dem Wasser über die Mauer zu springen, sondern wäre dran hängen geblieben. Genauso hängt sie jetzt da. Ich versuche mir das Lachen zu verkneifen und warte darauf, dass nach dem schweren Atmen und dem Rotwerden ihres Gesichts, gleich auch noch Wasser aus ihrem Hinterkopf sprüht.

Als sie das Land wieder erreicht hat und auf ihrer Lieblingsinsel Platz nimmt, ihrem Stuhl, fängt sie an von ihren Hunden zu berichten. Mir fällt ein, dass sie dies heute noch gar nicht getan hat, ich habe es aber auch nicht vermisst, um ehrlich zu sein. Sie hat mir schon viele Geschichten über ihre Hunde erzählt. Doch diesmal kam es richtig dicke. Verzweifelt berichtet sie mir, dass ihre Hundedame, seit der Geburt der kleinen, sehr stark menstruiert. Mit einem naiven Lachen erzählt sie, wie man genau verfolgen könne, wo der Hund durch die Wohnung gelaufen ist - alle weiteren Details erspare ich ihnen hier. Meine Freude ist groß, als sie dieses Kapitel ihres unglaublichen Lebens beendet. Frühstückspause! Allerdings ist mir der Hunger auf mein Croissant mit Erdbeermarmelade vergangen. Ich überlege mir , warum ich bei ihren Erzählungen nicht einfach auf Durchzug schalte, sondern mir das alles anhöre. Ich glaube, dass ist wie ein Verkehrsunfall, man kann einfach nicht weg gucken, bzw. hören. Juttas Leben ist ein einziger großer Verkehrsunfall! Ja, das ist es. Und ich, ich höre ihr zu, um mich besser zu fühlen.

Am nächsten Morgen kommt Jutta durch die Tür getrampelt, der Tür am Haupteingang, man hört sie von da bis in den ersten Stock. Als sie in der Praxis angekommen ist, stellt sie sich grinsend vor mich und reißt ihre Arme zur Seite als wolle, sie sich präsentieren, dabei verliert sie kurz das Gleichgewicht und macht einen kleinen Ausfallschritt. Ihre riesigen Schweißflecken unter den Achseln fallen mir sofort ins Auge. Ich überlege mir, was sie damit sagen will, lange habe ich aber nicht Zeit, denn sie fragt sofort: „Na fällt dir was auf ?“ Ich starre sie an, vielleicht hat sie 10 Kilo abgenommen über Nacht, das würde bei ihr nicht sofort auffallen. Ihre Haare sehen immer noch Scheiße aus. Ah, sie hat eine neue Kette um den Hals. Das ist die hässlichste Kette, die ich jemals gesehen habe, aber ihr steht sie irgendwie. „Ich habe ne neue Kette!“, brüllt sie mich aus meiner Trance, die ihre Aura verursacht hatte, „die hat meine Freundin gestaltet!“ Diesmal komme ich ihr zuvor: „Nicht schlecht, dafür, dass sie das nicht beruflich macht!“ Ihre Mundwinkel, die eh schon durch die Gravitation und die Massegesetze einen leichten Drang nach unten haben, deswegen ist ihr lachen auch immer sehr gequält, zogen sich noch weiter nach unten: „Meine Freundin ist gelernte Schmuckdesignerin und macht sich nächsten Monat selbstständig.“ Drei Minuten ist sie etwas sauer, aber dann hat sie alles vergessen und quatscht mich wieder voll, somit wird meine Annahme bestätigt, dass sie wohl nur ein paar Gehirnzellen mehr, als ein Goldfisch hat.

6/23/2009

Mit der Familie vor dem Fernseher

Wie schön muss es damals gewesen sein, als die Familie noch zusammen vor dem Fernseher saß und sich eine Samstagabendshow oder eine Familienserie anschaute. Glücklich erzählen unsere Eltern und Großeltern von netter Familienatmosphäre bei Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff, Wim Thoelke, Rudi Carrell und ihre großartigen Shows. “Musik ist Trumpf” (1975-1981, ZDF/ORF), “Einer wird gewinnen” (1964-69 und 1979-87, HR), “Der große Preis” (1974-1993 und 2002-2003, ZDF), “Am laufenden Band” (1974-1979, ARD), und viele andere. In den 60er bis in die 80er Jahre ließ man sich zusammen mit seiner Familie, generationenübergreifend, am Samstagabend um 20.15 Uhr berieseln, von Musik-, Quiz- und Spielshows. Mit Marktanteilen bei den Einschaltquoten von bis zu 80% und mehr schien ganz Deutschland zu einer einzigen großen Familie zu verschmelzen. Über die Shows sprach man nicht nur familienintern, sondern auch mit Bekannten, Freunden und Arbeitskollegen, die sogenannten “Straßenfeger” schienen die Leute ein Stück näher zusammenrücken zu lassen. Ähnlich verhielt sich Fernsehdeutschland bei Serien wie “Dallas” (1978-1991, dt. Erstausstrahlung 1981) oder dem Denver Clan (1981-1989, dt. Erstausstrahlung 1983, ZDF). Genauso wirkten natürlich auch große Sportereignisse im Fernsehen, gebannt saß man, wie man heute in Erzählungen erfährt, bei wichtigen Spielen der deutschen Fußballnationalmannschaft und Olympischen Spielen vor dem Fernseher und fieberte mit. Meine Generation kennen dieses Gefühl von familiär-medialen Großereignissen nur noch aus schwärmerischen Erzählungen und eventuell von der einzigen überlebenden Show „Wetten, dass...?“. Wir haben in den 90ern nur noch die Ausläufer dieser Ära erlebt, die durch das Privatfernsehen aufgebrochen wurde. Die Shows, die mir dabei in Erinnerung geblieben sind, sind „Die 100.000 Mark-Show“ (1993-2000, RTL) und „Traumhochzeit“ (1992-2000, RTL). Eine Show mit viel Action, die andere Show mit großen Gefühlen. Jedoch saßen hierbei wohl nicht mehr drei Generationen vor dem Fernseher, sondern höchstens zwei. Denn was soll man als Kind an einem Samstagabend machen, wenn man nicht so lange draußen bleiben darf und Mama und Papa diese Shows schauen. Die Großelterngenerationen hält sich dabei lieber weiter an Musik- und „Gute-Laune“- Sendungen im öffentlich-rechtlichem Fernsehen. Seit dem neuen Jahrtausend, scheint sowieso jeder seinen eigenen Fernseher zu haben und jeder sein eigenes Fernsehprogramm. „Hattrick- 2. Bundesliga live“ für Papa, „Desperate Housewives“ für Mama, „LOST“, „Prison Break“ und „24“ für den Sohn und „Germany's Next Topmodel“ für die Tochter. Oma und Opa hängen weiterhin bei Musiksendungen auf ARD und ZDF fest. Was verbindet die Generationen noch vor dem Fernseher? Große Sportereignisse? Die verbinden, aber nicht mehr vor dem Fernseher in der warmen Stube, sondern vor Großbildleinwänden mit Hunderttausenden von anderen Menschen. Quizshows? Auch eher nicht, man redet zwar darüber, aber wirklich zusammen schaun? Nein! Vielleicht DSDS? Wohl auch eher Eltern mit ihren Kindern. Oma und Opa schauen nämlich,... na sie wissen schon! Durch Privatfernsehen, Internet und DVD's gibt es ein zu großes Angebot individuelle Interessen zu stillen, warum sollte man sich dann auch mit der gesamten Familie vor dem Fernseher treffen, es gäbe wohl nur Streit darum, was geschaut wird. Früher war die Auswahl nicht so groß und das Fernsehen noch etwas besonderes, also verlegte man Familienzusammenkünfte einfach vor den Fernseher.
Heute ist die Famile vor dem Fernseher eher zur Familie im Fernseher geworden. In Fernsehsendungen, wie „We are Family- so lebt Deutschland“ (ProSieben), „Mitten im Leben“ (RTL) oder „Die Auswanderer“ (Kabel 1), werden Familien mit der Kamera begleitet, beim alltäglichen Leben, bei anstehenden, schwerwiegenden Veränderungen oder beim Auswandern. Auch in die Reihe solcher Familiendokus reihen sich „Die Supernanny“ (RTL) und „Frauentausch“ (RTL 2) ein. Bei diesen Serien wird jedoch bewusst in das Leben dieser Familien eingegriffen. Sei es in therapeutischer Weise bei der „Supernanny“ oder durch den Austausch der Mütter bei „Frauentausch“. Die Intention dieser Serien soll Authentizität sein, die Familien sollen so lebensnah wie möglich dargestellt werden. Meist sind die Szenen aber nachgestellt und werden nach einem Skript gespielt. Der Zuschauer kann dann ganz alleine entscheiden, wie er das Gesehene aufnimmt. Er kann denken, dass es heutzutage jeder ins Fernsehen schafft, auch eine einfache Familie, obwohl es ja meistens nicht ganz normale Familien sind, wie es sich der Spießerdeutsche vorstellen würde. Der Zuschauer kann sich aber auch daran ergötzen, wie schlecht es anderen Leuten geht und wie chaotisch es in anderen Familien zugeht, während die anderen Familienmitglieder, vor ihren eigenen Fernsehern sitzen und sich immer weiter auseinander leben...

Katzen in Rikschas

Ich komme mal wieder aus einem Seminar in der Uni und überlege mir, warum man allem was man sieht eine Bedeutung zu messen muss. Schon in der Schule habe ich mir immer gedacht, was ist wenn zum Beispiel Hugo von Hofmannsthal oder andere hochgelobte Menschen, einfach mal so aus Spaß ein Gedicht oder eine andere Schrift verfasst haben, ohne großartig darüber nach zu denken, einfach mal, um irgendwas zu schreiben, weil ihnen zum Beispiel langweilig war.
Und wir Deppen sitzen jetzt dort schauen uns das Werk an und versuchen in jedem noch so kleinen Element den Sinn des Lebens zu finden. Währenddessen lacht sich der Hugo tot darüber, wie alle auf ihn reingefallen sind.
Liebe Fans von Hugo von Hofmannsthal, das ist natürlich alles nur ein Gedankenexperiment, und Hugo nur ein Beispiel von vielen. Ich werde aber immer wieder im meinem Studium auf diese Gedanken gebracht. Natürlich gibt es Zeichen und Symbole die man durchaus sinnvoll interpretieren kann, aber manche, vor allem Studenten gehen da einfach zu weit. Ich glaube manche haben nicht mal mehr ein Leben, wegen dieser ganzen Zeichen die ihnen im Wege stehen. Ein Kunst- Literatur- Theater- Musik- oder Filmwissenschaftler kann ja gar nicht mehr genießen. Der Theaterwissenschaftler kommt aus einem Theaterstück und muss das ganze, auch wenn er privat da war das Stück auseinander nehmen und kann sich garnicht mehr zur Freizeitgestaltung berießeln lassen. Wer dieses als Beruf ausführt bekommt von mir durchaus noch mildernde Umstände zugesprochen, aber Studenten, die vielleicht mal in diesem Bereich der Wissenschaft tätig sein werden und meinen sie müssten über alles und jenes gehoben und geschwollen reden und dadurch jedes Gespräch kaputt machen, für die habe ich leider kein Verständnis. Dieser wissenschaftliche Slang wird nicht nur übertrieben in Seminaren betrieben, sondern ragt bis in den Alltag hinein, wenn sie sich darüber auslassen, dass sie in der neuen Stadt in der sie jetzt studieren noch nicht ihre Produkte gefunden haben (gemeint war wohl, so wie ich es verstanden habe, Lebensmittel, die man immer wieder kauft, weil sie in einem guten Preis-Leistungsverhältnis stehen). Leute, wo ist euer Leben?

Aber nun zum Titel des Blogs : Katzen in Rikschas.
Katzen in Rikschas haben keine Bedeutung! Und das ist auch gut so. Ich habe weder live, noch auf einem Bild, eine oder mehrere Katzen in einer Rikscha gesehen. Wenn ich mir dieses Bild in meinem Kopf aber vorstelle, dann finde ich das eine schöne Vorstellung. Und ich finde ich habe das Recht dazu!
Genauso habe ich das Recht in ein Theaterstück zu gehen, ohne auf die Leistung des Dramaturgen zu achten oder auf Zeichen und Bedeutungen, sondern einfach nur zu schauen, ohne danach jede Szene nochmal durch zu gehen und zu loben oder zu kritisieren. Genauso nehme ich mir auch die Freiheit mir keine besonderen Produkte anzueignen, sondern das zu kaufen, auf das ich Hunger oder Durst habe.

Ich appelliere für mehr Nonsens, für die Begeisterung von Menschen, statt hochnäsiges Geschwafel in der Alltagswelt.

Es ist natürlich schön mal etwas angeblich "hochwertiges" zu sehen und sich darüber Gedanken zu machen und sich aus zu tauschen, aber irgendwann muss man sich davon auch mal befreien!

Auf diesem Blog werde ich versuchen regelmäßig Beiträge online zu stellen, in denen ich meine Gedanken zu Dingen, die ich gesehen oder gehört habe, im Alltag, im Fernsehen, im Theater, in der Uni, zu verarbeiten, vielleicht auch mal tiefgründig, aber vor allem beobachtend.

In der Sidebar befinden sich jeweils, Videobeispiele für die letzten vier Blogs und eine VideoMusicBar.