Schaut man sich heute den Auftritt von Joe Cocker beim Woodstock Festival 1969 zum Song „With a little help from my friends“ an, könnte man denken er habe eine neue Ära in der Musikgeschichte eingeläutet. Sieht man doch heut zu tage auf sämtlichen Tanzflächen, in Film und Fernsehen und in den Moshpits großer und kleiner Rockkonzerte agile junge Menschen, die die Saiten eines nicht vorhandenen Instruments auf Beckenhöhe anschlagen. Joe Cocker gilt als der Erfinder der Luftgitarre und nennt sich selber „den besten Luftgitarrenspieler der Welt“. Seit seinem Auftritt beim Woodstockfestival ist das Luftgitarrespielen immer populärer geworden. Heute kann es sogar als eigener Sport bezeichnet werden, oder ist es vielleicht Tanz, oder doch etwas ganz anderes? Seit 1996 kürt man zumindest den besten Luftgitarrenspieler der Welt. Jedes Jahr findet der Wettbewerb in Finnland im Rahmen des Oulu Music Video Festival, dem finnischen Musikvideofestival, statt. In den ersten Jahren machten die Finnen den Sieg noch unter sich aus. Heute dominieren die Amerikaner den Contest. Seit 2004 kürt auch die „German Air Guitar Federation“ einen nationalen Meister, welcher dann als deutscher Vertreter nach Oulu fahren darf.
In diesem Jahr findet das Finale vom 19.-21. August statt. Zur deutschen Vorentscheidung treffen sich die Luftgitarren-Cracks am 9. und 10. Juli in Berlin. Die Regeln sind denkbar einfach. In der ersten Runde zeigt jeder seine Choreographie zu einem selbst ausgewählten einminütigen Songschnipsel. Dann bewertet eine Jury jeden mit einer Note von 4.0 bis 6.0. In der zweiten Runde wird in umgekehrter Reihenfolge gestartet. Der letzte der ersten Runde zu erst, der Vorletzte als Zweiter und so weiter. In dieser Runde performen alle Teilnehmer zum selben Lied, das vorher nicht bekannt gegeben wird. Auch danach bewertet die Jury wieder. Für das finale Ergebnis zählen nur die Noten aus der zweiten Runde. Danach steht der Sieger fest.
So einfach die Regeln klingen, der Wettbewerb ist für viele Teilnehmer zu einem ernsten Wettkampf geworden. Denn es ist schon lange nicht mehr allein die perfekte Technik und die Imitation einer Gitarre- ob Akustik- oder E-Gitarre gespielt werden soll ist in den Regeln nicht festgelegt- fast jeder Luftgitarrist verwandelt sich in eine Figur, wenn er auf der Bühne steht. Denn in den Bewertungskriterien legt man Wert auf, Originalität der Leistung, Charisma, technische Fähigkeiten, künstlerischen Gesamteindruck und Luftigkeitstauglichkeit, im Fachjargon „Airness“ genannt, was die Fähigkeit bedeutet, das Luftgitarrespielen über die die bloße Imitation hinaus zu einer eigenen Kunstform zu erheben. Luftgitarre ist also Kunst?
Joe Cockers Auftritt sah wahrlich nach einer eigenen Kunst aus, aber auch nach einer ganz eigenen Welt in der er sich während seiner Performance befand. Man stellt sich die Frage wer diese Friends sind, die ihm da ein little gehelpt haben. Nichts desto trotz hat die Luftgitarre sich seitdem ihren Weg gebahnt und das nicht nur als Artefakt der Rockmusik und ihrer Konzerte, sondern auch als Symbol der Freiheit und Unbeschwertheit, der Amerikanisierung und der Popkultur.
Im deutschen Film „Sonnenallee“, der von Jugendlichen in den 80er Jahren in Ost-Berlin erzählt, setzt die Luftgitarre eine Bewegung in Gang, die kurzzeitig die Mauer fallen lässt. Micha Ehrenreich, Hauptfigur des Films, gespielt von Alexander Scheer, und sein Kumpel Wuschel, gespielt von Robert Stadlober beginnen in der Schlussszene des Films, beim Song „The Letter“, eigentlich ein Song der Band „The Box Tops“, für den Film aber eine neuere Version von „Dynamo 5“, also zu Westmusik, Luftgitarre zu spielen. Sie tanzen dabei auf den Balkon und ziehen die Blicke der Menschen auf sich, sie springen vom Balkon und gemeinsam mit den Menschen tanzen sie durch den Grenzübergang in den Westen. Der Freiheitsgedanke geht hier wohl eher von der verbotenen Westmusik aus, die Teilhabe an dieser Musik beginnt in dieser Szene jedoch mit der Imitation der E-Gitarre. Auch in der Realität ist das Luftgitarrespielen der einfachste Weg ein Teil der Lieblingsband oder einer ganzen Musikrichtung mit all ihren Ideologien und Forderungen zu werden. Zu Zeiten des Rock’n’Rolls, wie auch heute beim Heavy Metal, viele schließen sich dieser Musik an, die ihre Eltern garantiert nicht hören oder hörten. Nach Winfried Fluck greifen hier, die von ihm definierten Begriffe, der Amerikanisierung und des expressiven Individualismus. In seinem Text „Amerikanisierung der Kultur“ schreibt er, dass unsere Gesellschaft im Bereich Kultur immer niedrigschwelliger wird, dieses Phänomen entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts, als die englischen Groschenromane den amerikanischen Markt eroberten. Junge Mädchen mussten fortan nicht mehr nur philosophisch wichtige Schriften lesen, von denen man nur die Hälfte versteht und für welche man sich sowieso nicht interessiert, weil es die Gesellschaft so vorgab. An den Groschenromanen konnte man durch ihre Einfachheit Anteil nehmen, an Schicksalen und Problemen der Hauptfiguren. Die Meinung, die man über die Situation hatte konnte man selber mit sich aushandeln und wurde nicht von außen bestimmt. Eine dadurch entstandene Dynamisierung der Gesellschaft zog sich nicht nur durch die USA, sondern hat heute fast alle Erdteile erreicht. Im Gegensatz zu anderen Kulturwissenschaftlern und Historikern, bezieht Fluck den Namen Amerikanisierung nicht auf die Produkte und Verhaltensweisen, die aus den USA in die ganze Welt exportiert werden, sondern auf den Prozess der Dynamisierung der Gesellschaft durch niedrigschwelliges Kulturangebot. Die USA sind demnach die ersten, die sich selbst amerikanisiert haben. Als expressiven Individualismus beschreibt Fluck das bekennende Zuordnen einer Person zu einem kulturellen Gut. Oder einfach gesagt: das Fantum. Eine Person bekennt sich zum Beispiel zu einer Band und trägt dieses eventuell durch ein Band-T-Shirt in der Öffentlichkeit zur Schau. Die Botschaft, die dabei an die Umwelt kommuniziert wird ist nicht nur: „Ich bin ein Fan dieser Gruppe“, sondern auch: „Ich hätte auch eine andere Band wählen können aber ich habe mich für diese entschieden.“ Dieses Fansein muss aber nicht immer eine tiefe Verbundenheit zum Objekt bedeuten. Besonders nicht bei Flucks Individualismus. Man zeigt eher die Verbundenheit zu einer kulturellen Gruppe, auch wenn man nicht genau weiß, welche Botschaft man mit einem T-Shirt, wie zum Beispiel einem Che-Guevara-Shirt, herum trägt, sie kann nicht schlecht sein, weil sie so viele coole Typen tragen. Genauso wie mit dem T-Shirt, kann man seine musikalische Zuneigung auch durch die Luftgitarre ausdrücken.
Bei den nationalen und internationalen Lufgitarren-Wettkämpfen zeigen die Teilnehmer aber nicht nur durch ihre Songauswahl ihren expressiven Individualismus, sondern vor allem durch die Auswahl ihres Bühnencharakters. Selten ist der Airguitarhero auf der Bühne dieselbe Person wie hinter der Bühne. Eindrucksvoll beschreibt dieses Phänomen der US-amerikanische Luftgitarrencrack und „ewige Zweite“ Björn Turoque in seiner Biographie „To Air is Human“. Sein eigentlicher Name ist Dan Crane, sein Beruf Softwareentwickler. Er spielte in seiner eigenen Band „Nous non plus“, als er zum ersten Mal einen Air Guitar Contest sah, wusste er was er wollte: „Dabei sein!“, also entwickelte er seine Bühnenfigur Björn Turoque. Interessant an seiner Biografie ist, dass er aus der Sicht von Dan Crane in der Ich-Perspektive erzählt, aber in der dritten Person, wenn er von Björn Turoque erzählt.
Auch in der populären Kultur ist die Luftgitarre fest verankert, es gilt als unglaublich cool, wenn man die nicht vorhandenen Saiten anspielt. Das wussten Anfang der 90er Jahre auch Harald Schmidt und Herbert Feuerstein, die in ihrer Sendung „Schmidteinander“ die Zuschauer aufriefen Homevideos zu schicken, auf denen sie beim Luftgitarrespielen zu sehen sind. Auch in vielen Filmen ist die Luftgitarre ein populäres Zeichen, zum Beispiel im Film „Bill und Teds verrückte Reise durch die Zeit, in dem die beiden Protagonisten immer die luftige Gitarre anspielen, wenn sie meinen sie seien bei irgendeiner Sache erfolgreich gewesen.
Aber auch in unseren Alltag verfolgen uns Phänomene der Luftgitarre. Zum Beispiel begegnen sie uns in der Politik, in der Schule, in der Uni oder auf der Arbeit. Sie haben dort noch keine gesehen? Man erkennt sie auch nicht auf den ersten Blick. Aber wenn wir uns noch einmal deutlich machen, was Luftgitarrespielen heißt, merken wir, dass wir dieses Prinzip auf viele alltägliche Situationen übertragen können. Das Nachahmen einer Tätigkeit, die eigentlich nicht vom ausführenden beherrscht wird. Und sie begegnen uns doch jeden Tag: die Luftgitarristen. Die Arbeitskollegen, die es mal wieder geschafft haben, ihre Nichtsnutzigkeit durch übertriebenes Gerede gegenüber dem Chef so ein zu setzen, dass sie die Beförderung bekommen und nicht der fleißige Arbeiter hinter den Kulissen. Der Mitschüler, der sich durch bloßes Einschleimen und Pseudo-Wichtig-Gerede großartige mündliche Noten erhält, obwohl er eigentlich den Unterricht aufhält. Der Möchtegern-Proll, der jede im Club schon hatte. Die Kunststudenten, die jeden Künstler, jedes Werk und jedes Museum kennen, selber aber nichts drauf haben, genauso wie der Theaterwissenschaftler, der mit tausenden von schlauen Worten um sich wirft, die er gar nicht kennt, weil er sich so gerne reden hört. Oder auch der Politiker im Wahlkampf, der mit Parolen auf Stimmenfang geht, die er nie einhalten wird. Sie alle versuchen ein Instrument zu spielen, das sie eigentlich gar nicht beherrschen.
Den Betrachter können diese Menschen auch schon mal in eine Fremdschamsituation versetzen, wenn ab zu sehen ist, dass der Luftgitarrist scheitert. Hier stellt sich die Frage ist Luftgitarre vielleicht Camp? Was ist überhaupt Camp? Für den Laien ist es am einfachsten zu erklären als etwas, dass so schlecht ist, dass es fast schon wieder gut ist. Aber nach der Definition von Susan Sontag ist es doch gar nicht so leicht zu beschreiben. Nach ihrer Definition ist es eine Rezeptionsweise, bei der, der Zuschauer daran interessiert ist den Akteur scheitern zu sehen. Dieses Scheitern darf vom Ausführenden jedoch nicht geplant sein, es sei denn, er macht es so, dass niemand es merkt. Der Scheiternde muss mit Herz und Seele eine nreflektierte Ernsthaftigkeit ausstrahlen, der er aber nicht gerecht werden kann. Ein weiteres Zeichen für Camp ist der Stil und die Ästhetik, die bei dieser Erlebnisweise im Vordergrund stehen, weniger der Inhalt. Ob das Luftgitarrespielen Camp ist, hängt eher vom Spieler ab, als dass man es allgemein als Camp bezeichnen könnte. Ein Air Guitar Hero ist nicht von vorn herein zum Scheitern verurteilt. Bei nationalen Vorentscheiden kann dies jedoch der Fall sein, wie Björn Turoque in seiner Biographie beschreibt.
Wer auch immer in diesem Jahr die German Air Guitar Nation in Oulu vertritt, er wird weit abseits vom Camp seine Saiten anschlagen. Stellt sich nur die Frage, warum ist es die Gitarre, die zu einem Luftinstrument mit all ihren Nebenphänomenen wurde? Warum ist es nicht das Schlagzeug oder die Querflöte? Zurück zu führen ist das ganze wohl auf die Entstehung des Rock’n’Roll Mitte der 50er Jahre und die daraus entstandene Jugendkultur dieser Zeit. Raus aus den vorgegeben Normen der Elterngesellschaft, die Rebellion gegen die Einheitlichkeit. Das wohl markanteste Musikinstrument dieser Musik war die Gitarre, vor allem durch die Entwicklung der E-Gitarre. Ausdrucksstarke Gitarrensoli beherrschen die Rockmusik bis heute. Dadurch rückten auch die Gitarristen ins Rampenlicht neben den Sängern ihrer Bands. Die kulturellen Aspekte der E-Gitarre trieben ihre Popularität weiter voran. Sie gilt als Symbol der amerikanischen Kultur und der Jugendkultur, für den technischen Fortschritt, für Freiheit und Männlichkeit. Die Luftgitarre bietet zudem die wohl größten Bewegungsmöglichkeiten für den Spieler, der dabei zu tanzen scheint. Mit einem Schlagzeug ist man auf der Bühne sehr unflexibel, mit einem Luftmikrofon wäre man schnell in der Sparte der „Mini Playback Show“, das Saxophon hätte wohl noch am ehesten die Chance mit der E-Gitarre mitzuhalten, es passt jedoch nicht in die Musikrichtung zu der sich Jugendliche gerne ausgelassen bewegen wollen, in den 50er Jahren zumindest nicht, mit dem Ska hat sich dies heut zu tage ein bisschen geändert. Auch der Bass wäre möglich, aber kennen sie einen weltberühmten Bassisten? Ein weiterer Grund, warum die Gitarre das Luftkompatibelste Instrument ist, ist die Vorbildfunktion der weltberühmten Gitarristen. Jeder Rockmusikfan, will so sein wie Angus Young (AC/DC), Jimi Hendrix, der im Jahr 2003 vom „RollingStone“ zum Greatest Guitarist of all Time gekürt wurde, oder Pete Townshend von „The Who“. Man möchte genauso euphorisch und arpartisch in die Saiten hauen, wie diese drei und ihre vielen Kollegen es tun.
Des Weiteren geht die E-Gitarre eine Symbiose mit dem Körper ein, oder anders herum, die bei anderen Instrumenten nicht so stark ausgeprägt ist. Gerade im Bezug auf die Stärkung der Männlichkeit kann man die E-Gitarre als Verlängerung des Gliedes sehen oder als den Körper einer Frau, den man bespielt.
Egal welches Instrument imitiert wird, es ist ein Zusammenspiel von 3 Körpern, dem Körper der Musik, dem Körper des Spielers und dem Körper des Gitarrenspiels, diese drei werden im Moment des Auftritts zum Informationsträger für den Zuschauer. Der Spieler imitiert dabei den Akt des Musik Machens, die Musik dient ihm dabei als Rahmen. Das wird deutlich, wenn sie sich einmal vorstellen, es wäre kein Musikinstrument, das während laufender Musik imitiert wird. Zum Beispiel Sex, dieses Exempel ist nicht zufällig ausgewählt: Es gibt in den USA die „Air Sex Championships“. Wenn derselbe Effekt, wie beim Luftgitarrenspiel eintreten soll, so müsste man schweres Atmen, Stöhnen und Orgasmen als Rahme einsetzen, an Stelle der Musik. Bei der Luftgitarre ist dies der Fall, man muss konzentrierter auf die Musik eingehen, weil man imitieren will, dass man sie selbst herstellt, das unterscheidet das Luftgitarrespielen vom Tanz, oder vom Air Sex.
Egal was Luftgitarre jetzt nun im kulturwissenschaftlichen Grunde ist, ob Sport, Tanz, Camp, expressiver Individualismus, Symbol der Freiheit, der Männlichkeit oder der Jugendkultur. Vom 19. bis 21. August ist es für alle Beteiligten vor allem eins: Ein riesengroßer Spaß!